Rohrlenker Kunde

 

ROHRLENKER...was ist das eigentlich genau?


Wir wollen auf diesem Wege einmal versuchen etwas Licht in die umfangreiche Vespa Modellgeschichte zu bringen.
Denn die ist umfangreicher als man als Aussenstehender, aber zum Teil auch Insider zuerst vermuten mag.


Wer bei der Vespa nur an Italien denkt, denkt da nämlich nicht weit genug.
Natürlich ist sie ein Kind Italiens...aber vor allem in den frühen Jahren wurden in mehreren Ländern verschiedene, zum Teil für den jeweiligen Markt angepasste Modelle gebaut. Diese unterscheiden sich meist mehr optischer Natur, vor allem die unterschiedliche Position des Scheinwerfers fällt bei gleichen Baujahren oft als Erstes auf. Diese Modelle sind z.T. Lizenzmodelle, wie auch Exportmodelle aus Italien für ein bestimmtes Land. Denn aufgrund der damaligen hohen Nachfrage und Einfuhrzölle war es sinnvoller, Vespamodelle in absatzreichen Ländern zu produzieren.

Aber fangen wir mal erstmal an die Rohrlenker-Modelle chronologisch einzuordnen.
Hierbei vereinfachen wir es uns erst einmal und versehen einige Begriffe mit Abkürzungen.


Davon sind einige Abkürzungen längst etabliert, andere vereinfachen es uns hier einfach etwas.

WF – Wide Frame:
Die Wide Frame Modelle waren die erste Baureihe von 1946-1962, zu welcher auch die Rohrlenkermodelle gehören.
Charakteristisch ist die Vergaserklappe unterhalb des Sitzes im Durchstieg.
Nur die WF hatten diese Klappe. Je nach Modell saß hinter dieser Klappe der Vergaser nebst Luftfilter, oder bei Sportmodellen, welche den Vergaser auf dem Zylinder sitzen hatten , ein Anschluß zum Luftfilter mittels Schlauch, um staubfreie Luft zu erhalten.
Es gab Modelle mit 98, 125 und 150 ccm.
Die Motorbacke war abnehmbar oder nach oben zu öffnen, die linke Backe war fest am Rahmen verschraubt.

LF – Large Frame:
Die Large Frame Modelle waren die zweite Baureihe, welche von 1958 bis zum heutigen Tage reicht (31.12.2016). Dieser Modelltyp gebar unterschiedlichste Baureihen und war schmaler als die vorherigen WF Modelle. Das Chassis (vor allem im Heckbereich) wurde nun aus zwei Karosserieschalen zusammengesetzt. Charakteristisch ist die überlappende Naht vom Fußraum bis zum Heck.

Je nach Modell sieht man diese mittige Naht auch beim vorderen Kotflügel.
Wie man sieht, überschneidet sich die Bauzeit von WF zu LF , bis letztendlich nur noch die LF gebaut wurde.
Es gab Modelle mit 80, 125,150, 160, 175 und 200 ccm.
Die Motorbacke war nun immer abnehmbar, die linke Backe je nach Modelltyp verschraubt oder ebenfalls abnehmbar.

SF- Small Frame:
Die Small Frame Modelle waren die dritte große Baureihe, welche von 1963 bis ca 1996 dauerte. Zu ihr gehören die kleineren Modelle von 50, 75, 80, 90, 100 und 125 ccm.
Ebenfalls in Schalenbauweise gebaut wie die LF, ist sie aber noch schmaler. Die Seitenhauben lassen sich nicht mehr abnehmen. Lediglich Klappen ermöglichen den Zugang zum Motor und je nach Modell zu einem Gepäckfach.


Da wir uns aber nur mit den frühen Modellen befassen wollen, gehen wir auf die LF und SF nun nicht weiter ein.

Kehren wir also zu den WF zurück, denn auch diese Modelle lassen sich wiederum aufteilen.

 

Da sind zum einen die Rohrlenkermodelle (RL) und die Gußlenkermodelle. (GuL)

Zerlegen wir den Namen Rohrlenker einmal, haben wir Rohr & Lenker.
Und genauso kann man es sich vorstellen. Ein Lenker der aus einem gebogenen Rohr besteht.
Ganz klassisch, wie man es von Fahrrädern und alten Motorrädern ebenfalls kennt.
Aber nicht alle Rohrlenkermodelle schauen dabei gleich aus.
Je nach Baujahr, Landesvorschriften und fortschreitendem Design änderte sich das Aussehen.
Diese unterschiedlichen Modelle möchten wir Euch nun weiter erläutern.
Wir beziehen uns dabei auf die damals üblichen Straßenversionen,....Sport- & Sondermodelle werden zu einem späteren Zeitpunkt genauer betrachtet.
Zudem gibt es offzielle Lizenzmodelle und Exportmodelle, die aus Italien stammen, aber in Italien selbst nicht verkauft wurden.

Schauen wir einmal, wer denn damals alles Rohrlenker-Vespas gebaut hat oder als separates Modell aus Italien erhielt.

 

Italien:                  Piaggio & C als Mutterkonzern in Pontedera

Deutschland:      Hoffmann Werke in Lintorf (Lizenz)
                              Messerschmitt Werke in Augsburg (Lizenz)

Frankreich:          A.C.M.A. in Fourchambault (Lizenz)

Spanien:              Motovespa S.A in Madrid (Lizenz)

 

England:              Douglas in Bristol (Lizenz)

Belgien:           M.I.S.A  in Brüssel (Lizenz)

USA:                Sears, Roebuck & Co. - Chicago (Ital.Fertigung)

 

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Exemplarisch stellen wir Ihnen hier, nach unseren Recherchen, die verkürzte Modellgeschichte der Hoffmann Vespa zur Verfügung.

 

Bei allen Fragen zu anderen Modellen bzw. Lizenzbauten stehen wir Ihnen über den Kontaktbereich zur Verfügung.

 

Deutschland: Hoffmann Werke in Lintorf (Lizenz)

 

Ein „Greenhorn“ würde sagen, dass es drei Modellvarianten der Vespa-Hoffmann gab. Das Modell HA, HB und HC. Aufgrund unserer intensiven Recherchen und Nachforschungen in den letzten 3 Jahren sind wir auf weitere Modelle und Modellvarianten gestoßen.

 

Jakob Oswald Hoffmann hatte nach dem 2. Weltkrieg aus einer Fahrradfabrik ein flanierendes Motorradwerk erschaffen. Am 9. August 1949 unterzeichnete er den Lizenzvertrag mit der Piaggio & C. zum Bau und Vertrieb von Vespa Motorrollern. Am 13. März 1950 begann er mit der Fertigung der Vespa für den deutschen Markt. Weiterhin sicherte er sich die Vertriebs- und Exportrechte für die nordwestlichen, europäischen Länder Niederlande, Belgien und Dänemark.

 

Einige hundert Fahrzeuge (ab Fahrgestellnummer 1001) bestanden aus „umgelabelten“ italienischen V14 Modellen, die von Pontedera nach Lintorf bei Düsseldorf geschickt wurden.

 

Merkmale der 1. Modellvariante Vespa A:

 

- Sickenrahmen mit rundem Beinschild (konvex)

- kurzes Trittbrett

- offene Motorbacke

- Tacho 60 mm im Beinschild mit Winkelantrieb

- Gestänge geschaltet

- ungedämpfte Vordergabel

- Soziuskissen

- 4,2 PS Motor (italienisch)

- 5 Liter Tank mit Benzinschieber

- Frontscheinwerfer (mit Finne) 95 mm auf dem Kotflügel

- rundes/ ovales Rücklicht

 

 

Die 2. Modellvariante Vespa HA von 1950/1951 stammte dann aus der Fertigung und Produktion der Hoffmannwerke.

 

Merkmale

 

- Sickenrahmen mit „herzförmigen“ Beinschild (konkav)

- kurzes Trittbrett

- offene Motorbacke

- Tacho 60 mm im Beinschild mit Winkelantrieb

- Gestänge geschaltet

- der Motor wurde von der deutschen Motorenfabrik ILO als 4,5 PS Aggregat

gebaut

- Reibungsdämpfer und kurze Schwinge vorn (ab Fg.Nr. 8151)

- 5 Liter Tank mit Benzinschieber und späterem Wechsel auf Dreiwegehahn (ab Fg.Nr. 4700)

- Frontscheinwerfer (ohne Finne) 95 mm auf dem Kotflügel

- rundes/ ovales Rücklicht

 

 

 

Die 3. Modellvariante Vespa HA (gebaut 1951-1953) erhielt jetzt ein anderes Aussehen

 

Merkmale

 

-Sickenrahmen mit „herzförmigen“ Beinschild (konkav)

- langes Trittbrett und Gummipuffern

- offene Motorbacke

- 80 mm Tacho mit Winkelantrieb mittels einer Blende am Lenker befestigt

- Gestänge geschaltet

- Reibungsdämpfer (Wechsel zum Stossdämpfer ab Fg.Nr. 26960)

- 2-ter Sattel

- 4,5 PS Motor

- 7 Liter Tank  (ab Fg.Nr. 9831)

- Frontscheinwerfer (ohne Finne) 95 mm auf dem Kotflügel

- Wechsel von Bing auf Pallas-Vergaser (ab Fg.Nr. 18657)

 

 

Das 4. Modell Vespa HB, gebaut ab 1953, entsprach bis auf wenige Details der 3. Variante der HA

 

Merkmale  

 

-Sickenrahmen mit „herzförmigen“ Beinschild (konkav)

- langes Trittbrett und Gummipuffern

- offene Motorbacke

- 80 mm Tacho mit Winkelantrieb mittels einer Blende am Lenker befestigt

- Seilzug geschaltet (ab Fg.Nr. 27181)

- Stossdämpfer

- 2-ter Sattel

- 4,5 PS Motor

- 7 Liter Tank

- Frontscheinwerfer (ohne Finne) 95 mm auf dem Kotflügel

 

 

Das 5. Modell Vespa HB wurde auf der IFMA am 18. Oktober 1953 vorgestellt. Hoffmann brachte zeitgleich ein zweites Vespa-Modell (HC) auf den Markt, welches im 7. Modell näher beschrieben wird.  

 

 

Merkmale 5. Variante HB

 

-Sickenrahmen mit „herzförmigen“ Beinschild (konkav)

- langes Trittbrett und durchgehende Trittleisten

- offene Motorbacke

- Lenker mit Aluvorbau und integriertem 4 Ecktacho (Abnahme in der Schwinge)

- Seilzug geschaltet

- Stossdämpfer

- 2-ter Sattel

- 4,5 PS Motor

- 7 Liter Tank

- Frontscheinwerfer (ohne Finne) 95 mm auf dem Kotflügel

-Wechsel der Position des Typenschildes (Bezeichnung HA) von unterhalb der Gepäckfachbacke auf die rechte Seite in Höhe des Fußbremspedals

 

Anfang 1954 folgte das 6. Modell, die Hoffmann HB2

 

Merkmale

 

-Sickenrahmen mit „herzförmigen“ Beinschild (konkav)

- langes Trittbrett und durchgehende Trittleisten

- offene Motorbacke

- Lenker mit Aluvorbau integriertem 4 Ecktacho und 130 mm Hauptscheinwerfer

- Seilzug geschaltet

- Stossdämpfer

- 2-ter Sattel

- 4,5 PS Motor

- 7 Liter Tank

- Frontscheinwerfer (Nebellampenfunktion) 95 mm auf dem Kotflügel

-Wechsel der Bezeichnung auf dem Typenschild von HA auf HB2

 

Ab diesem Zeitpunkt endete die Produktion der Sickenrahmen und der offenen Motorbacke  (von Fg.Nr. 1001 bis ca. 34165 – letzte bekannte Nummer)

 

 

Die 7. Modellvariante war das Modell 1954, die Vespa HC (Fahrgestellnummer 100001-).

Im Volksmund wurde dieses Modell „Königin“ genannt

 

Merkmale

 

- kein Sickenrahmen

- langes Trittbrett und durchgehende Trittleisten

- geschlitzte Motorbacke

- Lenker mit Aluvorbau integriertem 4 Ecktacho und 130 mm Hauptscheinwerfer

- Seilzug geschaltet

- Stossdämpfer

- 2-ter Sattel

- 4,5 und 5 PS Motor

- 7 Liter Tank

- Frontscheinwerfer (Nebellampenfunktion) 95 mm auf dem Kotflügel

- Neue Typenschild-Bezeichnung HC

- viereckiges Rücklicht

- zahlreiche Chromanbauteile wie Steinschlag-Ecken und Stoßstange

 

 

Das 8. Modell hatte die Bezeichnung HB3 (ab Fg.Nr. 500001)

 

Merkmale

 

- kein Sickenrahmen

- langes Trittbrett und durchgehende Trittleisten

- geschlitzte Motorbacke

- Lenker mit Aluvorbau integriertem 4  Eck-Tacho und 130 mm Hauptscheinwerfer

- Seilzug geschaltet

- Stossdämpfer

- 2-ter Sattel

- 4,5 PS Motor

- 7 Liter Tank

- Frontscheinwerfer (Nebellampenfunktion) 95 mm auf dem Kotflügel

- viereckiges Rücklicht

- Wechsel der Bezeichnung auf dem Typenschild von HB2 auf HB3

 

 

Aufgrund der Lizenzkündigung und anstehender Insolvenz  sollte die 9. Modellvariante nicht mehr in den Verkauf gelangen. Dennoch überlebten wenige Exemplare des Modells 1955  (die Fg.Nr. war fortlaufend der HC 110000 -).

 

Merkmale

 

- kein Sickenrahmen

- langes Trittbrett und durchgehende Trittleisten

- geschlitzte Motorbacke

- Lenker mit Aluvorbau und integriertem 4  Eck-Tacho

- Seilzug geschaltet

- Stossdämpfer

- Pagusa - Sättel

- 4,5 PS Motor

- 7 Liter Tank

- Frontscheinwerfer 105 mm auf dem Kotflügel

- viereckiges Rücklicht

- Typenschild mit Bezeichnung HC

 

 

Alle Modellvarianten und deren Übergänge waren oft fliessend. Irritierend ist oft die Typenschild-Bezeichnung zur eingetragen Bezeichnung im Fahrzeugbrief. Somit wird jede Typenschild-Bezeichnung HA bis HB3 im Fahrzeugbrief mit HA ausgewiesen.

 

Einige Änderungen wurden über die Werksmitteilungen bekannt gegeben. Der genaue Zeitpunkt der Modell-Änderungen ist, aufgrund der verspäteten Herausgabe der Werksmitteilungen an das Händlernetz, oft schwierig zu bestimmen.

 

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Herzliche Grüße

Matthias, Gatti und Thomas im Jahr 2017

 

 

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